Die Bahn, das klimafreundlichste Verkehrsmittel, ist nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas sträflich vernachlässigt und heruntergewirtschaftet worden. Mit Mitteln der EU und der Mitgliedstaaten wurden unzählige regionale Flughäfen für den Tourismus mit öffentlichen Mitteln zur Nutzung von Billigfluglinien subventioniert. Bei der Bahn wurden fast ausschließlich Schnelltrassen zwischen den großen Metropolen vorangetrieben, während mittlere Städte und der ländliche Raum immer schneller aus dem Netz herausfielen.

“Connectivity” -Verbindungen-, – ein großes Wort der Verkehrsplaner der EU -, wirkt in Zeiten der Klimakrise wie ein schlechter Witz, denn die Bahn steht hinsichtlich preislicher Konkurrenzfähigkeit und Serviceangebot gegenüber dem Flugverkehr vollständig auf dem Abstellgleis.

Hannes Lorenzen, Begründer verschiedener europäischer Netzwerke im Bereich Landwirtschaft und nachhhaltige ländliche Entwicklung, und EU Beamter im Ruhestand, hat die Probe auf’s Exempel gemacht. Er reiste mit dem angeblich günstigen Interrail-ticket von Brüssel nach Candás, Asturien zum Europäischen Ländlichen Parlament, – und zurück, für das fünffache eines Flugtickets. Hier ist sein Bericht.

Ich hatte mir vorgenommen nicht zu fliegen. Anfang November stand eine Moderation beim European Rural Parliament in Candás, Asturien auf meiner Agenda, vorher noch ein Treffen mit Saatgutinitiativen in Porto. Hin und zurück Luftlinie Brüssel- Porto ca 3000 km; Fahrstrecke mit der Bahn ca 4000 km.

Ich erinnerte mich an meinen Interrail-Pass aus der Studienzeit. Man kann innerhalb eines Monats eine bestimmte Anzahl von Reisetagen wählen, und an diesen Tagen unbegrenzt bahnreisen. Heute kosten fünf Tage für Rentner rund 250 Euro. Ein fairer Deal, – dachte ich. Eine normale Zugfahrt ohne Ermäßigung von Brüssel nach Porto, dann nach Candás und zurück nach Brüssel kostet  immerhin zwischen 600 und 700 Euro, je nachdem, ob man die Schnellstrecke über Barcelona oder die direkte Strecke über das Baskenland wählt. Das ist das Zehnfache dessen, was man für einen Hin- und Rückflug bei relativ kurzfristiger Buchung bezahlen muß. Mit Interrail ticket bleibt es das fünffache des Flugtickets und ungefähr ein Drittel des normalen Zugtickets. Dachte ich. Ich wollte die Erfahrung der Schiene, und ich konnte es mir leisten, mehr Geld und mehr Zeit in diese Reise zu investieren.

Als ich die Interrail-Regeln genauer las, stellte ich fest, dass man zumindest in Belgien, Frankreich und Spanien alle Fernzüge gegen Gebühr reservieren muss. Alternative Züge gibt es nicht. Man muss die Schnellzüge Thalys beziehungsweise TGV nehmen. Der Thalys kostet von Brüssel nach Paris schon mal 99 Euro, ein Monopolpreis. Brüssel, Paris, Hendaye, Irun, Valladolid- Coimbra – Porto, das war die Idee der Südroute. Ich mußte alle Züge einzeln reservieren – und die Reservierungen zusätzlich zum Inter-rail ticket bezahlen.

Jetzt nicht aufgeben. Zunächst also den Thalys von Brüssel nach Paris buchen. Reservierung mit Interrail Pass kostet angeblich 10 Euro pro Zug. Aber nur, wenn man viele Wochen vorher gebucht hat. Auf der Interrail-Seite und den Webseiten der nationalen Bahngesellschaften Belgiens und Frankreichs gelingt es mir nicht, eine Zugreservierung ohne ticket zu bekommen. Ohne Reservierung einsteigen wie in Deutschland kommt einen teuer zu stehen, den doppeltes Fahrpreis in der Regel.

Reisebüros in Brüssel bieten keine Bahntickets mehr an, auch keine Reservierungen. Ok, ich fahre zum Bahnhof. Am internationalen Schalter im Gare de midi werde ich herumgereicht, weil sich keiner auskennt mit Inter-rail. Schließlich verhilft mir eine sehr freundliche Kollegin zur einer Reservierung im Thalys nach Paris. Sie sagt, im internet geht es tatsächlich meistens nicht. Das beruhigt mich irgendwie. Sie kann aber von Paris nur bis zur spanischen Grenze reservieren. Wie das System in Spanien oder Portugal funktioniere, wisse sie leider nicht. Ich solle mich am besten sofort an der Grenze um meine Reservierung kümmern.

An der Grenze abends den Nachtzug nach Porto reservieren? Hmm. Sie lächelt. Erstmal sind 49 Euro fällig, bitte. 20 Euro für den Thalys, 20 für den TGV, plus 9 Euro für das “dossier”, also die Auskunft.  Komm schon, 49 Euro extra sind nicht die Welt, für dieses Experiment jedenfalls nicht.

In Hendaye komme ich zu spät an, das heißt, vielleicht hätte ich früher reservieren müssen. Der Anschluß mit dem Nachtzug nach Coimbra mit Anschluß nach Porto ist  nicht mehr zu kriegen. Man muß die Grenze mit einem speziellen Privatzug passieren, denn die Breite der französischen und der spanischen Züge ist nicht kompatibel. Der Transferdienst über die Grenze ist aber leider um diese Zeit geschlossen.

Ich denke über die Grenze kann es nicht weit sein, und will zu Fuß los. Auf dem Bahnsteig steht ein schwerbehinderter Mann auf Krücken und versucht seinen Rollstuhl aufzufalten. Er ist allein. Er will nach Irun auf der anderen Seite der Grenze. Ich biete ihm an, ihn zu schieben. Es sind fast vier Kilometer, wie sich später heraussstellt. Hier in Hendaye gibt es kein Hotel mehr.  Wir brauchen etwa eine Stunde über die Brücke. Es gießt in Strömen. Gegen ein Uhr finden wir ein Hotel in Irun. Zu teuer, sagt der Mann. Ich zahle den Teil, den er sich nicht leisten kann. Er will am nächsten Tag einen Freund im Baskenland treffen, sagt er.

Ich habe keine Lust, im Hotel zu bleiben. Im Internet finde ich eine Nachtbus-Option, die um 3 Uhr morgens am Bahnhof Irun abfahren soll. Ich buche über das Netz und bin rechtzeitig da. Aber der Bus kommt nicht. Ich bin jetzt Teil einer Gruppe von Obdachlosen geworden zusammen mit einem portugiesischen Saisonarbeiterpaar, das den Nachtzug auch verpasst hat. Zuerst dachten wir, der Bus sei wegen des schweren Wetters zu spät. Um halb sechs Uhr hören wir, dass der Bus ganz ausfällt. Wir schlafen eine Weile auf Bänken, bis die Polizei kommt und uns wegschickt.

Um sieben finden wir Kaffee und toastadas in einer Bäckerei, köstlich! Zurück am Bahnhof finden wir heraus, dass es nur diesen einen Nachtzug nach Lissabon und Madrid gibt,  keinen Zug am Tag, der uns tagsüber nach Lissabon oder Porto gebracht hätte. Wir buchen den nächsten Nachtzug am Abend, 24 Stunden später. Die Reservierung kostet 20 euro, mit Liegeplatz nochmal 31 Euro. Liegen ist  köstlich. Gegen 5 Uhr morgens steige ich in Coimbra um und bin gegen sieben in Porto. Ein sehr schöner Bahnhof übrigens.

Nach Abschluß des European Rural Parliament geht es nach Norden. Auf der Landkarte sieht die Strecke von Porto nach Gijon verlockend aus. An der Küste Portugals, Galiciens und Asturiens entlang, Braga, Santiago de Compostelas, La Coruna. Mit dem Zug dauert es 14 Stunden für 550 km.  Mit dem Bus zwischen 8 und 12, wenn die Anschlüsse klappen. Busunternehmen haben hier schlecht koordinierte Fahrpläne, was oft zu langen Wartezeiten und verpassten Anschlüßen führt. Ich habe ja mein Interrail ticket. Ich fahre deshalb erstmal wieder südlich nach Coimbra, obwohl Gijón im Nordosten liegt, dann in dem mir vertraut gewordenen Nachtzug wieder nach Norden, wo ich um 5 Uhr morgens in Valladolid ankomme und zwei stunden später nach Gijón umsteige. Reisezeit 15 Stunden, 35 euro für Reservierungen.

Auch der Rückweg nach Brüssel hat es in sich. Schnellere Zugverbindungen nach Frankreich gehen entweder mit einem riesigen Umweg über Madrid und Barcelona oder wieder mit dem Nachtzug nach Hendaye. Die Anschlüsse dort kenne ich ja schon. Ich versuche diesmal verschiedene Bussverbindungen um wieder zur Schnellstrecke nach Frankreich zu kommen. Ich will von Gijon nach Oviedo, von dort nach Bilbao, und dann nach Bayonne in Frankreich. Dort will ich den TGV nach Bordeaux und Paris nehmen. In Bilbao erfahre ich, dass von Bayonne nach Bordeaux zur Zeit alle Züge abgesagt sind, Streik,oder man weiß nicht genau. OK, besser mit dem Bus direkt von Bilbao nach Bordeaux also. Busbuchungen im Netz zu stornieren oder umzubuchen ist ein echtes Kunststück, vor allem wenn verschiedene Firmen auf der Strecke unterwegs sind. Am Schalter hab ich Glück. Der Mann kennt den Trick. Gracias senor!

Mein Nachtbus aus Bilbao kommt um 5 Uhr morgens in Bordeaux an. Wie komme ich von hier aus weiter? Erstmal den Bahnhof finden. Der ist noch geschlossen. Reservierungen im Internet zwischen Bordeaux und Paris und weiter nach Brüssel hatte ich schon erfolglos in Bilbao versucht. In Frankreich kann man auch per Telefon reservieren. Das geht aber nicht für Interrail tickets…

So, jetzt hat der Bahnhof geöffnet. Für einen Euro kann ich mal kurz auf’s Klo und Hände und Gesicht waschen. Nun stehe ich vor einem Fahrkartenautomaten. Die Schalter mit Menschen drin öffnen erst später. Der Automat sagt mir, dass ich besser mit einem normalen Ticket nach Brüssel komme. Circa 250 Euro, also noch mal der Preis meines Interrail tickets. Ich wollte damit eigentlich meine Reisekosten senken. Aber als der Schalter öffnet, geht es plötzlich doch. Ich kann für 20 Euro nach Paris Montparnasse kommen. Wie es weiter geht, soll ich beim Schalter von Eurostar im Gare Paris Nord erfragen. Reservierungen für den Thalys gibt es in den kommenden Tagen für das Interrail ticket definitiv nicht mehr.

In Paris bietet man mir bei Eurostar ein TGV ticket nach Lille Europe an. Eine kleine Umleitung. Dort bin ich dann auf der Warteliste für Brüssel. Preis 10 Euro nach Lille und 30 euro nach Brüssel. Ist schließlich der Eurostar von London nach Brüssel. Lille soll eine schöne Stadt sein. Ich bin nur etwas müde von der Nachtfahrt nach Bordeaux..

Wahrscheinlich  hätte ich bessere Chancen auf Interrail Reservierungen gehabt, wenn ich deutlich füher gebucht hätte. Darauf wurde ich hingewiesen. Aber das gilt angeblich nur für die Hauptreisezeiten im Sommer. Nicht im November. Hätte ich den Billigflieger genommen, wäre ich insgesamt 7 Stunden inklusive Check-in und Check-out unterwegs gewesen für in der Regel unter 100 Euro für beide Strecken. Meine Reisezeit mit Bahn und Bus, einschließlich verpasster Verbindungen und Wartezeiten, betrug insgesamt etwa 70 Stunden. Mit Interrail-Pass plus Reservierungen lag ich noch hundertfünfzig euro unter dem Normalpreis bei rund 500 Euro, immer noch fünfmal so hoch wie die Flugkosten.

Kommen wir nun zum CO2-Fußabdruck für die Reise im Vergleich zwischen Zug und Flugzeug. Darum ging es beim Experiment ja schließlich auch.  12kg CO2 mit der Bahn und Bus gegenüber 417kg mit dem Flieger. Ein erheblicher Unterschied.

Auf einer Karte oder dem Laptop sieht das europäische Eisenbahnnetz großartig aus. Es funktioniert gut und schnell zwischen wenigen Großstädten, aber nicht für die Menschen in ländlichen Gebieten. Das war auch ein großes Thema auf dem Ländlichen Europäischen Parlament in Gijón gewesen.  Mit “Connectivity”, dem Verkehrsentwicklungskonzept der Europäischen Union, wurde bisher  in einige schnelle Bahnlinien investiert während die kleineren Städte und ländlichen Gebiete links liegen blieben. Die Klimakrise wird ein Umdenken dieser Politik und ernsthafte Investitionen in einen kohlenstoff- und frustrationsarmen Verkehr erfordern.

Nie wieder? Non, je ne regrette rien. Hätte ich nicht versucht, nicht zu fliegen, hätte ich die Gespräche mit Ahmed nicht gehabt, dem behinderten Mann aus Marokko; ich hätte nicht um ein Uhr morgens mit dem baskischen Hotelmanager gefeilscht, um Ahmed etwas Schlaf zu kaufen; ich hätte den Bus verpasst, der nie kam, und die Nacht mit den Obdachlosen und den Saisonarbeitern, die mir unglaubliche Geschichten über ihr Leben erzählten; den harten, aber irgendwie ersehnten Platz einer Parkbank, wenn man wirklich müde ist; das ebenso harte Aufwecken durch die Polizei und das Aufwärmen und der Duft im Bäcker-Café; das tief empfundene Gefühl der Dankbarkeit im Nachtzug nach Coimbra 24 Stunden liegen zu können und die frühe Ankunft am wunderschönen Bahnhof von Porto – im strömenden Regen.

Auf dem Rückweg nach Brüssel hätte ich nicht erlebt und verstanden, warum junge Leute auf dem Land bei derart schlechten öffentlichen Verkehrsanbindungen lieber heute als morgen das letzte Mal den Bus in die Stadt nehmen; mir wäre nicht die Frage gekommen, warum die unzähligen Busunternehmen, die dort operieren nicht zusammenarbeiten, um die Dörfer zu bedienen; und ich hätte nicht Busbahnhöfe kennengelernt, die nicht einmal ein Dach für Passagiere haben, – aber doch wenigstens eine Bar in der Nähe mit einem freundlichen Kellner, der mir einige Tassen heißen Zitronentee mit Honig serviert, um meine Halsschmerzen zu kurieren.

Ich hätte die Roboter der künstlichen Intelligenz auf der anderen Seite der Leitung verpasst, als ich nicht mehr weiter wußte und diese meine Geduld testeten, mit endlosen Wahloptionen für keine Lösung; aber schließlich auch die langen freundlichen Gespräche am Schalter und am Telefon mit engagiertem Zugpersonal, die ebenso verzweifelt wie ich einen Weg durch den Dschungel der Teilnahmebedingungen am Bahnfahren suchten.

Schließlich hätte ich den kurzen Moment verpaßt, in dem ich komplett aus der Komfortzone fiel, unerwartet. Aus der Welt, in der alles berechenbar scheint, aber nur für wenige und auch nicht immer wirklich ist. Ich hatte mal eben entschieden, nicht den billigsten oder schnellsten Weg zu wählen, um mich dorthin zu bewegen, wo ich sein wollte.  Mit dem Zug durch Europa zu reisen, anstatt in ein Flugzeug zu steigen, wäre ohne all das reine Theorie gewesen, Spinnerei, solange man es nicht versucht.

Ja, meine CO2-Bilanz war mit dem Zug deutlich besser. Aber beruhigend war das durchaus nicht. Die Bahn wirtschaftet europaweit weiter ab und das bischen Steuer auf den Flugverkehr wird das nicht ändern. Zwischen Himmel und Erde liegen Welten, wirtschaftlich, räumlich und in der Zeit. So ein Experiemnt leistet sich nur ein verrückter gut bezahlter EU Rentner.

Non, je ne regrette rien, – ich bekam eine andere Vorstellung von Entfernung und Zeit, von Verbindungen und Nichtverbindungen zwischen Orten und Menschen, die ich sonst nicht getroffen oder beachtet hätte. Erstaunt es Sie, dass das Reisen per Bahn neue menschliche Horizonte und Begegnungen eröffnet? Mich nicht. Es ist die Entdeckung der Langsamkeit und der Unberechenbarkeit.  Aber im Hinblick auf die Klimakrise ist es die Entdeckung, daß noch immer so getan wird, als könnten wir mit business as usual einfach so weiter machen. Wir können es nicht.

Bahnreisen statt fliegen in Europa? Ich werde es wieder tun. Und ich werde weiter gegen den Wahnsinn des business as usual kämpfen.

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Jürgen Windhorn
To Gen Ji – Re-Vision
vers.: 19-02-2019
“But he did not understand the price. […] the price of getting what you want,
is getting what you once wanted.”
― Neil Gaiman. Sandman #19: “A Midsummer Night’s Dream”
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TEIL 1.: Paulchen Panthers Geschichtsstunde
„Heute ist nicht alle Tage; ich komm wieder, keine Frage“
– Paulchen Panther. Sink Pink (1965)
Paulchen Panther ist natürlich nicht sein richtiger Name. Aber in dieser subjektiv so chaotischstressigen Zeit vor seinem Abi bekam er den Nick von ein paar Kumpels angehängt, weil er einen Keller voller VHS Kassetten geerbt hatte, unter anderem mit einer vollständigen Sammlung der Pink-Panther-Reihe, die der spätere Paulchen umgehend digitalisierte und damit für einen Sommer zu einem cliqueninternen Hype machte. In diesen albernen und unterhaltsamen Thriller-Persiflagen über den Pariser Polizeiinspector Jacques Clouseau trat im Vorspann ein pinkfarbener Zeichentrick-Panther auf, in der deutschen Synchronisation Paulchen Panther genannt. Und weil sein zweiter Vorname tatsächlich Paul ist und die Kumpel es zu schätzen wussten, dass er zu den Pink Panther Nächten kistenweise Bacardi Carta Blanca beisteuerte (in einem versteckten Wandschrank eben jenes geerbten Kellers gefunden) und sie sich damit an den Wochenenden regelmäßig zuschütteten, während Inspektor Clouseau über ihre improvisierte Leinwand stolperte, blieb der Name an ihm hängen und von zwei oder drei seiner jetzigen Studienkumpels wird er immer noch so genannt.

Also bleibt es auch hier dabei:
Paulchen Panther.
Von unserem Projekt erzählte ich Paulchen Panther auf einer DBU-Tagung, die er aus Gründen besuchte, die eher so ein bisschen hintenrum waren, aber dazu später. Jedenfalls hörte er mir zuerst wohl nur deswegen zu, weil es im improvisierten Essraum sehr eng wurde und wir nebeneinander an unseren veganen Falaffeln vom lokalen Bioimbiss kauten. Wirkliches Interesse weckte dann aber erst meine Schilderung unseres historischen Hintergrunds, also die zu einem Friedens- und Ökodorf transformierte Siedlung, die von den Nazis eigentlich als Wohnraum für die Offiziere und Techniker einer der damals größten aus dem niedersächsichen Sandboden gestampften Pulverfabriken gedacht war. Dieser Zusammenhang schien ihn tatsächlich zu interessieren und ich verstand erst viel später wieso.
Er hatte übrigens sogar schon von Kazuaki Tanahashi gehört und dessen damaligen Versuchen, in Nanking Friedens- und Versöhnungspolitik zwischen Chinesen und Japanern einzuleiten. Zu seinem Interesse an der Verbindung zwischen Politik und Spiritualität in Ostasien kam Paulchen wie die Jungfrau zum Kind, ursprünglich sollte er nämlich – von Seiten seiner Familie, mittelständische badenwürthembergische Werkzeugmaschinenindustrie, war das schon so beschlossen – eines der familieneigenen Exportgeschäfte übernehmen. Ein BWL-Studium als Basis-Pflichtprogramm war ihm also schon in die Wiege gelegt worden. Er stellte sich auch nicht offen quer, drückte sich aber lange darum herum und schrieb sich erstmal, ein bisschen Rebellion muss sein, für etwas ganz anderes an der Uni ein, und etwas abgelegeneres als Sinologie fiel ihm nicht ein.
Wir er dazu kam? In einem Nebensatz – einem sehr langen Nebensatz – erwähnte er, dass er einmal als Sechzehnjähriger böse vor einer Disko verdroschen worden war und sich am
nächsten Tag, noch mit blauen Flecken im Gesicht, in einer Kung Fu Schule angemeldet hatte.
Eine Zeit lang trainierte er auch fleißig, ließ sich dann aber mehr von der chinesischen Sprache und Kultur faszinieren und von der fünfzehnjährigen Nichte des aus Taiwan stammenden Kampfkunstschulenbesitzers, die in dessen Büro aushalf und gut Kantonesisch sprach und dem damals wohl recht hübschen und umgänglichen Kerl auch gerne ihre Sprache und ihre Kultur und so weiter beibrachte.

Um die Geschichte hier abzukürzen: Paulchen Panther, jetzt ja auch schon Ende Zwanzig, hatte dann doch noch das BWL-Studium nachgeholt und heute jettet er zwischen BadenWürthemberg, Taipeh, Singapur und Kuala Lumpur hin und her, als Übersetzer und als so eine Art Kulturattaché der süddeutschen Werkzeugmaschinenindustrie in den Tigerstaaten.
Und irgendwann verstand ich dann auch sein Interesse an der Historie unseres Projektes.
Paulchen Panther hatte sich nämlich im Laufe eines langjährig eingefädelten Dreiecks-Deals
zwischen einer Firma aus Nagoya, einer aus Singapur und schließlich einer aus seiner Familie mütterlicherseits aus Baden-Baden, mit einer einzigen Bemerkung über die japanische Geschichte in Nanking derart in die Nesseln gesetzt, dass es um den Multimillionendeal geschehen war. Ein Fauxpas, der ihn die Gunst seiner mütterlichen Herkunftsfamilie gekostet hatte und ihn in die Uni zurücktrieb, wo er also jetzt seinen zweiten Magister in Wirtschaftsgeschichte, Spezialgebiet jüngere Geschichte der Tigerstaaten, machte.
Und hier also jetzt ein paar Gespräche mit Paulchen Panther (PaulPa) aus dem Gedächtnis
wiedergegeben:
Nachdem ich ihm ein paar Stichworte gegeben hatte, Zen, Achtsamkeit, Japan, China,
Myoshinji, Hokoji, und so weiter, nickte er, als ob er das alles schon vorher gewusst hatte und aus dem FF kennen würde und hakte ein: «Ah. OK. Gut, gut. Lass es mich in meinen Worten wiedergeben, zusammenfassen wie ich’s verstanden habe und dann sagste mir, ob’s so ist. OK?
– «Ähh…»
PaulPa: «Also. Ich fang’ mal mit der Historie an. Da haben also zwei Gruppen von Japanern
sich zu Beginn des 12. Jhdts. für das alte China, also das damals schon alte, fünfhundert Jahre alte immerhin, interessiert. Und sie haben so eine Art archäologischen Kulturaustausch
betrieben und die – wie gesagt, damals schon ein halbes Jahrtausend alten – wunderbaren
Legenden und Mythen und Stories ausgegraben und Chinesen gefunden, die sich auch noch
dafür begeistern konnten, und haben so eine Art Retro-Religion in Japan aufgebaut. Nach dem Motto: wir können alles besser, wir können sogar die Kultur des klassischen Tang-China besser als die Chinesen selber und dann haben sie sich echt ins Zeug gelegt und was aufgebaut. Die eine Gruppe, von Dogen Zenji angeleitet, hat sich auf monastischen Buddhismus und die Praxis des Dhyana, in Japan dann Shikantaza genannt, spezialisiert und für die Leute auf dem Land ausgeklügelte Rituale angeboten die den Ahnenkult des Shinto auf buddhistisch ersetzten und für sich selber das Handwerk des monastischen Lebens bis zur hohen Kunst perfektioniert. Und die andere Gruppe, von Eisei und einigen anderen Meditationstechnologie-Importeuren angeleitet, fand mit ihren eher handfesten, mehr vom Taoismus mit seinen Kampfkünsten und den wehrhaften Wandermönchen der klassischen Tang-Dynastie geprägten Amalgam von Buddhismus und den Lehren Lao Tses und Dschuang Dsis Resonanz bei den Daimyos und ihren Samurais. Und die lokalen Fürsten der japanischen Hauptinsel, die keine Lust hatten, sich vom Gottkaiser und dessen Shintopriestern dominieren zu lassen, machten gewissermaßen ihre eigene spirituelle Konkurrenzfirma auf und brauchten und fanden in der Schule und im Geist Linjis denjenigen Sinn fürs Kämpferische und Eigenständige, den sie selber als Aristokraten gewissermaßen von Natur aus vertraten, nur jetzt spirituell unterfüttert. Und über vier Jahrhundert wurden dann diese beiden Richtungen dessen, was im klassischen China aus dem indischen Buddhismus und den Lehren Lao Tses wurde, zu einer Art ParallelReligiosität im eigentlich shintoistisch-konfuzianischem und von wechselnden Shogunen am kaiserlichen Hof vorbei regierten Japan. Die für viele, viele Generationen von Japanern zum Alltag gehörenden gnadenlose Kämpfe, Scharmützel und immer wieder die Ländereien der Reisbauern verwüstenden Kriegszüge zwischen den wechselnden Machthabern wurden in der Folge also begleitet von diesen Lehren, die einmal im Namen von Mitgefühl und Weisheit in die
Welt gebracht wurden und jetzt unauflöslich mit anspruchsvoller höfischer Ästhetik, und mit
Fragen der Ehre und der Loyalität verwoben wurden. Oder eben mit Ritualen, die sehr eng an die alte Ahnenverehrung angelehnt waren und mit einer gepflegten quietistischen Monastik.
Schließlich erschöpften sich die kriegerisch-wilden und zwischen Eigensinn und Loyalitätskonflikten hin und her gerissenen Energien der lokalen Fürstentümer und über vergleichsweise lange Zeit, fast zweihundert Jahre, traten die Kämpfer und die selbsternannten Herren und Möchtegernherren ihrer Inselwelt in den Hintergrund und die bürgerliche Gesellschaft begann sich zu entwickeln, Händler und Kaufleute häuften Geld und Güter an und sponserten jetzt die schönen Künste und auch die Mönche, die diese meditativen Kunstformen – die jetzt auch bei uns so en vogue sind – entwickelten. Das Theater spielte damals dann nicht mehr nur an den Höfen sondern für Jedermann in den Städten und Holzschnitte und Teeschalen wurden von zu Geld gekommenen Handelsfamilien bei hochspezialisierten Kunsthandwerkern bestellt und gesammelt und arbeits- und herrenlose Ronin sammelten sich entweder in organisierten Banden und wurden zur Grundlage der späteren Yakuza oder wurden zu gebildeten und die Shakuhachi spielenden Wandermönchen.»
Paulchen Panther nahm einen Schluck Cola Light und hielt mit der ausgestreckten freien Hand den Raum, um zu bedeuten, dass er noch nicht fertig war.
«Bis dann», setzte er seinen Vortrag fort, «wir schreiben inzwischen das Jahr 1868, die alte
Aristokratie eine Art Revolution von oben startete und mit der Meiji-Restauration die Göttlichkeit des Kaisers beschwor und die Verkommenheit der nur noch an materiellen Werten interessierten Welt der Händler und Geldverleiher lautstark beklagte und in ihre Schranken verweisen wollte und statt des materiellen Wohlstands wieder auf die alten Ideale des aristokratischen Strebens nach Herrschaft und Loyalität und Ehre und so weiter zurück kam. Da es aber im eigenen Land nichts zu erobern oder zu bekämpfen gab, mittels dessen sich Ehre und Loyalität beweisen lassen könnte, wurden die Nachbarn auf dem asiatischen Festland überfallen und angegriffen: Koreanische Küstenstriche, chinesische Provinzen und sogar Russland wurde von mittelalterlich aufgemachten japanischen Kompanien angegriffen. Der Zar, darüber informiert, dass ein Trupp von wütenden Japanern über sein Riesenreich hergefallen war, hielt das zunächst für einen Scherz, bis ihm berichtet wurde, dass seine stolze am entfernten östlichen Meer stationierte Kompanie von japanischen Horden vernichtend geschlagen worden war. Dieser Aufstand der alten Großartigkeit des japanischen Nationalismus brachte aber den buddhistischen Klerus in Bedrängnis, der sich ja unter dem Schutz der kaiserfeindlichen Shogune oder im kulturellen Windschatten des Shinto ausgebreitet hatte. Im Zuge der Meiji-Restauration wurde übrigens auch versucht, dem Klerus, der ja selber mit seinen großen Besitzungen und Klöstern ein politisches Gewicht darstellte, dadurch Macht und Reputation zu entziehen, dass die Priester von Staats wegen in die kaisertreuen Verwaltungsstrukturen integriert wurden, indem ihnen zum Beispiel erlaubt wurde – um nicht zu sagen: sie gezwungen wurden – zu heiraten und Familien zu gründen. Priester mit Familie waren dann erstens selber mehr an einer Einbindung in staatliche, sprich kaisertreue, Strukturen interessiert und sie verloren als ganz normale Familienoberhäupter auch einen Teil des Respekts, den die Mönche und asketischen Einsiedler immer noch beim Volk hatten, Respekt, den die Kaisertreuen vollständig für sich beanspruchten.
Infolge dieser durch die Rückbesinnung der Nation auf alten shintoistische und kaisertreue
Strukturen für den buddhistischen Klerus prekären Situation kam es zu einer stillen Polarisation des japanischen Zen: Entweder die Mönche und Priester ordneten sich offensiv-bereitwillig dem Prozess der Restauration unter oder sie gingen in eine stille – sehr stille – innere Immigration.
Die Unterordnung war wohl die Standard-Reaktion, im Zuge deren dann zum Beispiel von maßgebenden buddhistischen Lehrern der Buddha-Dharma offen in den Dienst des Gottkaisers gestellt wurde und damit dem hybriden japanischen Nationalismus unterworfen.
Und junge Zenmönche, frisch aus dem Zenkloster, wurden teils zu den effektivsten Soldaten der Eroberungsfeldzüge und bekamen militärische Auszeichnungen, weil sie zum Beispiel die
Chinesen so effektiv abschlachten konnten. Und maßgebliche japanische Buddhisten erklärten dieses Abschlachten als Akt besonderen Mitgefühls, weil es ja einen segensreichen Ausdruck von Empathie darstellen würde, wenn man damit die Chinesen von ihrer miserablen Existenz erlösen könne und ihnen damit die Chance zu einer besseren Inkarnation gäbe.
Mit dem verlorenen zweiten Weltkrieg implodierte dann diese aufgeblähte japanische Hybris komplett in sich selbst und die sich bisher für den Gipfel der planetaren Kultur haltende Inselnation öffnete sich – eine Wahl blieb ihr ja auch kaum – der Welt. Und die Welt, das war damals Amerika. Die Welt aber, sprich die Menschen in den USA, waren, wie sich zehn, zwanzig Jahre nach dem gewonnen Krieg zeigte, spirituell empfänglich und diejenigen, die sich nicht fundamentalistisch an alte ausgetrocknete Wurzeln klammerten, suchten begierig in Asien nach geistiger Tiefe und glaubten diese eben auch in Japan zu finden.
Und die Vertreter dieser japanischen Spiritualität, die sich noch vor ein paar Jahren so vehement für die japanische Gottgleichheit des Kaisers und der japanischen Kultur eingesetzt hatten, brachten jetzt den geistig ausgehungerten Amerikanern die frohe Botschaft des Erwachens und des inneren Wachstums.
Und nebenbei: Was die Japaner in Russland und in China – speziell die Geschichte von Nanking ist in Japan bis heute noch immer ein glühend heißes Eisen und ein Politikum – getan haben, von den Vertretern der japanischen Kultur entweder getragen oder mit japanischer Perfektion unter den Teppich gekehrt, wurde auch von den Vertretern von Weisheit und Mitgefühl beinah erfolgreich totgeschwiegen und nur in äußerst seltenen Fällen notgedrungen zum Thema gemacht.»
Paulchen Panthers Darstellung von geschichtlichen Zusammenhängen, die er sich aufgrund seines millionenschweren Trittes ins Fettnäpchen, den er sich in Unkenntnis der komplizierten Beziehungen zwischen Japan und China leistete, hätte wohl noch endlos weitergehen können, aber sah erst auf die Uhr und dann mich an und kam zur Verbindung der großen Historie mit unserer Projektgeschichte. «Diese Form des von Japan aus China importierten, und zwar vor achthundert Jahren schon als Retro-Religion importierten, indischen Buddhismus habt ihr (er macht eine allumfassende Geste, die in das «ihr» hundert Jahre europäische und amerikanische Buddhismus-Geschichte einschloss) also jetzt übernommen in diversen abgeleiteten Formen wie NLP und MBSR und so weiter finde ich das jetzt ja auch sogar in den Managerseminaren in unserer Firma wieder.»
Jetzt musst ich Paulchen aber mal wirklich bremsen. Und ich erklärte ihm, um ihn dort
abzuholen, wo er angekommen war, dass all diese geschichtlichen Zusammenhänge ja bestimmt wirklich wissenswert seien und dass wir aber, wenn wir meditieren und uns auf den BuddhaDharma beziehen, uns nicht auf die spezifisch japanischen Komplikationen eines kulturellen Imports von schon in China kulturell amalgamierten … – und so weiter, beziehen würden, sondern auf unsere eigene ursprüngliche Natur, die wir mittels Achtsamkeit und Nach-Innenwenden freilegen und erkennen würden und damit Befreiung und Einsicht anstreben wollten. Und Befreiung und Einsicht wären ja nun eben nicht an kulturelle Formen und geschichtliche Zusammenhänge gebunden.
«Aha», erklärte Paulchen und holte Luft um seinen Vortrag fortzusetzen, aber da kam über
Lautsprecher der Gong und die Durchsage, dass die nächsten Workshops und Podiumsgespräche in fünf Minuten in den angekündigten Räumen beginnen würden.
To be continued.

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