Gen Ji – Re-Vision Teil 1

Jürgen Windhorn
To Gen Ji – Re-Vision
vers.: 19-02-2019
“But he did not understand the price. […] the price of getting what you want,
is getting what you once wanted.”
― Neil Gaiman. Sandman #19: “A Midsummer Night’s Dream”
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TEIL 1.: Paulchen Panthers Geschichtsstunde
„Heute ist nicht alle Tage; ich komm wieder, keine Frage“
– Paulchen Panther. Sink Pink (1965)
Paulchen Panther ist natürlich nicht sein richtiger Name. Aber in dieser subjektiv so chaotischstressigen Zeit vor seinem Abi bekam er den Nick von ein paar Kumpels angehängt, weil er einen Keller voller VHS Kassetten geerbt hatte, unter anderem mit einer vollständigen Sammlung der Pink-Panther-Reihe, die der spätere Paulchen umgehend digitalisierte und damit für einen Sommer zu einem cliqueninternen Hype machte. In diesen albernen und unterhaltsamen Thriller-Persiflagen über den Pariser Polizeiinspector Jacques Clouseau trat im Vorspann ein pinkfarbener Zeichentrick-Panther auf, in der deutschen Synchronisation Paulchen Panther genannt. Und weil sein zweiter Vorname tatsächlich Paul ist und die Kumpel es zu schätzen wussten, dass er zu den Pink Panther Nächten kistenweise Bacardi Carta Blanca beisteuerte (in einem versteckten Wandschrank eben jenes geerbten Kellers gefunden) und sie sich damit an den Wochenenden regelmäßig zuschütteten, während Inspektor Clouseau über ihre improvisierte Leinwand stolperte, blieb der Name an ihm hängen und von zwei oder drei seiner jetzigen Studienkumpels wird er immer noch so genannt.

Also bleibt es auch hier dabei:
Paulchen Panther.
Von unserem Projekt erzählte ich Paulchen Panther auf einer DBU-Tagung, die er aus Gründen besuchte, die eher so ein bisschen hintenrum waren, aber dazu später. Jedenfalls hörte er mir zuerst wohl nur deswegen zu, weil es im improvisierten Essraum sehr eng wurde und wir nebeneinander an unseren veganen Falaffeln vom lokalen Bioimbiss kauten. Wirkliches Interesse weckte dann aber erst meine Schilderung unseres historischen Hintergrunds, also die zu einem Friedens- und Ökodorf transformierte Siedlung, die von den Nazis eigentlich als Wohnraum für die Offiziere und Techniker einer der damals größten aus dem niedersächsichen Sandboden gestampften Pulverfabriken gedacht war. Dieser Zusammenhang schien ihn tatsächlich zu interessieren und ich verstand erst viel später wieso.
Er hatte übrigens sogar schon von Kazuaki Tanahashi gehört und dessen damaligen Versuchen, in Nanking Friedens- und Versöhnungspolitik zwischen Chinesen und Japanern einzuleiten. Zu seinem Interesse an der Verbindung zwischen Politik und Spiritualität in Ostasien kam Paulchen wie die Jungfrau zum Kind, ursprünglich sollte er nämlich – von Seiten seiner Familie, mittelständische badenwürthembergische Werkzeugmaschinenindustrie, war das schon so beschlossen – eines der familieneigenen Exportgeschäfte übernehmen. Ein BWL-Studium als Basis-Pflichtprogramm war ihm also schon in die Wiege gelegt worden. Er stellte sich auch nicht offen quer, drückte sich aber lange darum herum und schrieb sich erstmal, ein bisschen Rebellion muss sein, für etwas ganz anderes an der Uni ein, und etwas abgelegeneres als Sinologie fiel ihm nicht ein.
Wir er dazu kam? In einem Nebensatz – einem sehr langen Nebensatz – erwähnte er, dass er einmal als Sechzehnjähriger böse vor einer Disko verdroschen worden war und sich am
nächsten Tag, noch mit blauen Flecken im Gesicht, in einer Kung Fu Schule angemeldet hatte.
Eine Zeit lang trainierte er auch fleißig, ließ sich dann aber mehr von der chinesischen Sprache und Kultur faszinieren und von der fünfzehnjährigen Nichte des aus Taiwan stammenden Kampfkunstschulenbesitzers, die in dessen Büro aushalf und gut Kantonesisch sprach und dem damals wohl recht hübschen und umgänglichen Kerl auch gerne ihre Sprache und ihre Kultur und so weiter beibrachte.

Um die Geschichte hier abzukürzen: Paulchen Panther, jetzt ja auch schon Ende Zwanzig, hatte dann doch noch das BWL-Studium nachgeholt und heute jettet er zwischen BadenWürthemberg, Taipeh, Singapur und Kuala Lumpur hin und her, als Übersetzer und als so eine Art Kulturattaché der süddeutschen Werkzeugmaschinenindustrie in den Tigerstaaten.
Und irgendwann verstand ich dann auch sein Interesse an der Historie unseres Projektes.
Paulchen Panther hatte sich nämlich im Laufe eines langjährig eingefädelten Dreiecks-Deals
zwischen einer Firma aus Nagoya, einer aus Singapur und schließlich einer aus seiner Familie mütterlicherseits aus Baden-Baden, mit einer einzigen Bemerkung über die japanische Geschichte in Nanking derart in die Nesseln gesetzt, dass es um den Multimillionendeal geschehen war. Ein Fauxpas, der ihn die Gunst seiner mütterlichen Herkunftsfamilie gekostet hatte und ihn in die Uni zurücktrieb, wo er also jetzt seinen zweiten Magister in Wirtschaftsgeschichte, Spezialgebiet jüngere Geschichte der Tigerstaaten, machte.
Und hier also jetzt ein paar Gespräche mit Paulchen Panther (PaulPa) aus dem Gedächtnis
wiedergegeben:
Nachdem ich ihm ein paar Stichworte gegeben hatte, Zen, Achtsamkeit, Japan, China,
Myoshinji, Hokoji, und so weiter, nickte er, als ob er das alles schon vorher gewusst hatte und aus dem FF kennen würde und hakte ein: «Ah. OK. Gut, gut. Lass es mich in meinen Worten wiedergeben, zusammenfassen wie ich’s verstanden habe und dann sagste mir, ob’s so ist. OK?
– «Ähh…»
PaulPa: «Also. Ich fang’ mal mit der Historie an. Da haben also zwei Gruppen von Japanern
sich zu Beginn des 12. Jhdts. für das alte China, also das damals schon alte, fünfhundert Jahre alte immerhin, interessiert. Und sie haben so eine Art archäologischen Kulturaustausch
betrieben und die – wie gesagt, damals schon ein halbes Jahrtausend alten – wunderbaren
Legenden und Mythen und Stories ausgegraben und Chinesen gefunden, die sich auch noch
dafür begeistern konnten, und haben so eine Art Retro-Religion in Japan aufgebaut. Nach dem Motto: wir können alles besser, wir können sogar die Kultur des klassischen Tang-China besser als die Chinesen selber und dann haben sie sich echt ins Zeug gelegt und was aufgebaut. Die eine Gruppe, von Dogen Zenji angeleitet, hat sich auf monastischen Buddhismus und die Praxis des Dhyana, in Japan dann Shikantaza genannt, spezialisiert und für die Leute auf dem Land ausgeklügelte Rituale angeboten die den Ahnenkult des Shinto auf buddhistisch ersetzten und für sich selber das Handwerk des monastischen Lebens bis zur hohen Kunst perfektioniert. Und die andere Gruppe, von Eisei und einigen anderen Meditationstechnologie-Importeuren angeleitet, fand mit ihren eher handfesten, mehr vom Taoismus mit seinen Kampfkünsten und den wehrhaften Wandermönchen der klassischen Tang-Dynastie geprägten Amalgam von Buddhismus und den Lehren Lao Tses und Dschuang Dsis Resonanz bei den Daimyos und ihren Samurais. Und die lokalen Fürsten der japanischen Hauptinsel, die keine Lust hatten, sich vom Gottkaiser und dessen Shintopriestern dominieren zu lassen, machten gewissermaßen ihre eigene spirituelle Konkurrenzfirma auf und brauchten und fanden in der Schule und im Geist Linjis denjenigen Sinn fürs Kämpferische und Eigenständige, den sie selber als Aristokraten gewissermaßen von Natur aus vertraten, nur jetzt spirituell unterfüttert. Und über vier Jahrhundert wurden dann diese beiden Richtungen dessen, was im klassischen China aus dem indischen Buddhismus und den Lehren Lao Tses wurde, zu einer Art ParallelReligiosität im eigentlich shintoistisch-konfuzianischem und von wechselnden Shogunen am kaiserlichen Hof vorbei regierten Japan. Die für viele, viele Generationen von Japanern zum Alltag gehörenden gnadenlose Kämpfe, Scharmützel und immer wieder die Ländereien der Reisbauern verwüstenden Kriegszüge zwischen den wechselnden Machthabern wurden in der Folge also begleitet von diesen Lehren, die einmal im Namen von Mitgefühl und Weisheit in die
Welt gebracht wurden und jetzt unauflöslich mit anspruchsvoller höfischer Ästhetik, und mit
Fragen der Ehre und der Loyalität verwoben wurden. Oder eben mit Ritualen, die sehr eng an die alte Ahnenverehrung angelehnt waren und mit einer gepflegten quietistischen Monastik.
Schließlich erschöpften sich die kriegerisch-wilden und zwischen Eigensinn und Loyalitätskonflikten hin und her gerissenen Energien der lokalen Fürstentümer und über vergleichsweise lange Zeit, fast zweihundert Jahre, traten die Kämpfer und die selbsternannten Herren und Möchtegernherren ihrer Inselwelt in den Hintergrund und die bürgerliche Gesellschaft begann sich zu entwickeln, Händler und Kaufleute häuften Geld und Güter an und sponserten jetzt die schönen Künste und auch die Mönche, die diese meditativen Kunstformen – die jetzt auch bei uns so en vogue sind – entwickelten. Das Theater spielte damals dann nicht mehr nur an den Höfen sondern für Jedermann in den Städten und Holzschnitte und Teeschalen wurden von zu Geld gekommenen Handelsfamilien bei hochspezialisierten Kunsthandwerkern bestellt und gesammelt und arbeits- und herrenlose Ronin sammelten sich entweder in organisierten Banden und wurden zur Grundlage der späteren Yakuza oder wurden zu gebildeten und die Shakuhachi spielenden Wandermönchen.»
Paulchen Panther nahm einen Schluck Cola Light und hielt mit der ausgestreckten freien Hand den Raum, um zu bedeuten, dass er noch nicht fertig war.
«Bis dann», setzte er seinen Vortrag fort, «wir schreiben inzwischen das Jahr 1868, die alte
Aristokratie eine Art Revolution von oben startete und mit der Meiji-Restauration die Göttlichkeit des Kaisers beschwor und die Verkommenheit der nur noch an materiellen Werten interessierten Welt der Händler und Geldverleiher lautstark beklagte und in ihre Schranken verweisen wollte und statt des materiellen Wohlstands wieder auf die alten Ideale des aristokratischen Strebens nach Herrschaft und Loyalität und Ehre und so weiter zurück kam. Da es aber im eigenen Land nichts zu erobern oder zu bekämpfen gab, mittels dessen sich Ehre und Loyalität beweisen lassen könnte, wurden die Nachbarn auf dem asiatischen Festland überfallen und angegriffen: Koreanische Küstenstriche, chinesische Provinzen und sogar Russland wurde von mittelalterlich aufgemachten japanischen Kompanien angegriffen. Der Zar, darüber informiert, dass ein Trupp von wütenden Japanern über sein Riesenreich hergefallen war, hielt das zunächst für einen Scherz, bis ihm berichtet wurde, dass seine stolze am entfernten östlichen Meer stationierte Kompanie von japanischen Horden vernichtend geschlagen worden war. Dieser Aufstand der alten Großartigkeit des japanischen Nationalismus brachte aber den buddhistischen Klerus in Bedrängnis, der sich ja unter dem Schutz der kaiserfeindlichen Shogune oder im kulturellen Windschatten des Shinto ausgebreitet hatte. Im Zuge der Meiji-Restauration wurde übrigens auch versucht, dem Klerus, der ja selber mit seinen großen Besitzungen und Klöstern ein politisches Gewicht darstellte, dadurch Macht und Reputation zu entziehen, dass die Priester von Staats wegen in die kaisertreuen Verwaltungsstrukturen integriert wurden, indem ihnen zum Beispiel erlaubt wurde – um nicht zu sagen: sie gezwungen wurden – zu heiraten und Familien zu gründen. Priester mit Familie waren dann erstens selber mehr an einer Einbindung in staatliche, sprich kaisertreue, Strukturen interessiert und sie verloren als ganz normale Familienoberhäupter auch einen Teil des Respekts, den die Mönche und asketischen Einsiedler immer noch beim Volk hatten, Respekt, den die Kaisertreuen vollständig für sich beanspruchten.
Infolge dieser durch die Rückbesinnung der Nation auf alten shintoistische und kaisertreue
Strukturen für den buddhistischen Klerus prekären Situation kam es zu einer stillen Polarisation des japanischen Zen: Entweder die Mönche und Priester ordneten sich offensiv-bereitwillig dem Prozess der Restauration unter oder sie gingen in eine stille – sehr stille – innere Immigration.
Die Unterordnung war wohl die Standard-Reaktion, im Zuge deren dann zum Beispiel von maßgebenden buddhistischen Lehrern der Buddha-Dharma offen in den Dienst des Gottkaisers gestellt wurde und damit dem hybriden japanischen Nationalismus unterworfen.
Und junge Zenmönche, frisch aus dem Zenkloster, wurden teils zu den effektivsten Soldaten der Eroberungsfeldzüge und bekamen militärische Auszeichnungen, weil sie zum Beispiel die
Chinesen so effektiv abschlachten konnten. Und maßgebliche japanische Buddhisten erklärten dieses Abschlachten als Akt besonderen Mitgefühls, weil es ja einen segensreichen Ausdruck von Empathie darstellen würde, wenn man damit die Chinesen von ihrer miserablen Existenz erlösen könne und ihnen damit die Chance zu einer besseren Inkarnation gäbe.
Mit dem verlorenen zweiten Weltkrieg implodierte dann diese aufgeblähte japanische Hybris komplett in sich selbst und die sich bisher für den Gipfel der planetaren Kultur haltende Inselnation öffnete sich – eine Wahl blieb ihr ja auch kaum – der Welt. Und die Welt, das war damals Amerika. Die Welt aber, sprich die Menschen in den USA, waren, wie sich zehn, zwanzig Jahre nach dem gewonnen Krieg zeigte, spirituell empfänglich und diejenigen, die sich nicht fundamentalistisch an alte ausgetrocknete Wurzeln klammerten, suchten begierig in Asien nach geistiger Tiefe und glaubten diese eben auch in Japan zu finden.
Und die Vertreter dieser japanischen Spiritualität, die sich noch vor ein paar Jahren so vehement für die japanische Gottgleichheit des Kaisers und der japanischen Kultur eingesetzt hatten, brachten jetzt den geistig ausgehungerten Amerikanern die frohe Botschaft des Erwachens und des inneren Wachstums.
Und nebenbei: Was die Japaner in Russland und in China – speziell die Geschichte von Nanking ist in Japan bis heute noch immer ein glühend heißes Eisen und ein Politikum – getan haben, von den Vertretern der japanischen Kultur entweder getragen oder mit japanischer Perfektion unter den Teppich gekehrt, wurde auch von den Vertretern von Weisheit und Mitgefühl beinah erfolgreich totgeschwiegen und nur in äußerst seltenen Fällen notgedrungen zum Thema gemacht.»
Paulchen Panthers Darstellung von geschichtlichen Zusammenhängen, die er sich aufgrund seines millionenschweren Trittes ins Fettnäpchen, den er sich in Unkenntnis der komplizierten Beziehungen zwischen Japan und China leistete, hätte wohl noch endlos weitergehen können, aber sah erst auf die Uhr und dann mich an und kam zur Verbindung der großen Historie mit unserer Projektgeschichte. «Diese Form des von Japan aus China importierten, und zwar vor achthundert Jahren schon als Retro-Religion importierten, indischen Buddhismus habt ihr (er macht eine allumfassende Geste, die in das «ihr» hundert Jahre europäische und amerikanische Buddhismus-Geschichte einschloss) also jetzt übernommen in diversen abgeleiteten Formen wie NLP und MBSR und so weiter finde ich das jetzt ja auch sogar in den Managerseminaren in unserer Firma wieder.»
Jetzt musst ich Paulchen aber mal wirklich bremsen. Und ich erklärte ihm, um ihn dort
abzuholen, wo er angekommen war, dass all diese geschichtlichen Zusammenhänge ja bestimmt wirklich wissenswert seien und dass wir aber, wenn wir meditieren und uns auf den BuddhaDharma beziehen, uns nicht auf die spezifisch japanischen Komplikationen eines kulturellen Imports von schon in China kulturell amalgamierten … – und so weiter, beziehen würden, sondern auf unsere eigene ursprüngliche Natur, die wir mittels Achtsamkeit und Nach-Innenwenden freilegen und erkennen würden und damit Befreiung und Einsicht anstreben wollten. Und Befreiung und Einsicht wären ja nun eben nicht an kulturelle Formen und geschichtliche Zusammenhänge gebunden.
«Aha», erklärte Paulchen und holte Luft um seinen Vortrag fortzusetzen, aber da kam über
Lautsprecher der Gong und die Durchsage, dass die nächsten Workshops und Podiumsgespräche in fünf Minuten in den angekündigten Räumen beginnen würden.
To be continued.

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