“Warum ich Mönche werden will” von André Graefen

Ein Wink aus meinem Leben

Warum ich Mönch werden möchte

von André-Pascal Graefen

 

Mit dem Eintritt in das Rinzai-Zen Kloster ToGenJi im September 2019 habe ich mir einen länger gehegten Wunsch erfüllt. Bereits ein Jahr zuvor habe ich meinen Mitmenschen erzählt, dass ich Mönch werden möchte. Was wiederum ein Jahr, nachdem ich den Buddhismus für mich entdeckt habe, passiert ist.

2017 sah ich im Religionsunterricht an einem katholischem Gymnasium einen Film über junge Buddhisten. Die Teenager, die genauso alt waren wie ich, strahlten eine tiefe Ruhe aus. Das hat mich sehr beeindruckt, ist Ruhe doch etwas, was in meinem Leben als Metalhead und mit meiner Streitsucht nicht allzu oft vorkam. Also habe ich mich auf die Suche nach ein bisschen Ruhe gemacht. Außerdem, dass muss ich ehrlich gesagt zugeben, hatte ich mit dem Etikett „Buddhist“ ein wunderbares Alleinstellungsmerkmal, was meinem Streben nach Individualität doch sehr schmeichelte.

Zuhause angekommen habe ich mich dann im Internet darüber schlau gemacht, was Buddhismus denn so ist. So bin ich sehr bald auf eine Rezitation der dreifachen Zufluchtsnahme auf Pali gestoßen und ich verspürte eine Energie, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das so gar nicht zuordnen und so resultierte diese Energie darin, dass ich mein Zimmer für zu unordentlich hielt, aufräumte und mir eine gemütliche Meditationsecke einrichtete.

Das Gymnasium habe ich verlassen, doch über den Buddhismus habe ich weiter geforscht. Auf Youtube habe ich mir Videos angeschaut, die erklären, wie man meditiert, ich habe viele Reportagen über tibetische Mönche gesehen, Vorträge angehört, beispielsweise von Ajahn Brahm und viele Rezitationen gehört. Dabei haben mich vor allem die Rezitationen aus der Shingon Schule angesprochen und ich habe eine Vorliebe für japanische Gesänge entwickelt. Als jemand, der eine Affinität für japanische Kultur hat, ist das auch nicht verwunderlich.

Ein Youtube Kanal gab mir dann eine erste Orientierung . Hinnerk Polenski bracht mich das erste mal konkret mit Zen in Berührung. In Folge dessen forschte ich vor allem in Richtung Zen-Buddhismus weiter. Ich entdeckte zwei Filme die mich sehr inspiriert haben. Zum Einem der in zwei Teilen gedrehte Tagesablauf des SoGenJi mit dem Namen „Life in a zen monestary“ uns zum Anderem einen Film über einem ehemaligen US-Marin, der in einem kleinen Zen-Tempel in Tokyo Mönch wurde. Der Film heißt „From a US-Marin to a Zen-Monk“, (oder so ähnlich).

Durch diese beiden Filme kam mir Mitte 2018 das erste mal der Gedanke Zen Mönch zu werden.

Über das Rezitationsvideo der täglichen Rezitation der Hokoji-Tradition stieß ich das erste mal auf den Kanal von Choka Sangha. Ein Kanal mit einigen Teisho‘s von Christoph Rei Ho Hatlapa Roshi.

Es ist seine ruhige und ausgeglichene Stimme gepaart mit seinem Humor, was mich dazu veranlasst hat, am Pfingstsesshin 2019 teilzunehmen. Daß ich mich für das ToGenJi entschieden habe anstatt für das Zen Kloster Buchenberg hat den Grund, dass ich in Christophs Teishos eine Tiefe spürte, welche ich bei Hinnerk nicht fand. Bei Hinnerk wusste ich genau, was er meint. Meine Reaktionen auf Christophs Teishos beschränkten sich jedoch häufig auf ein ehrlich gemeintes “HÄ?”

Genau das ist der Punkt, der mich angesprochen hat.

Ich erinnere mich an die Worte eines Zen-Meisters, der zu mir folgendes gesagt hat:

„Ich frage mich, warum die Leute heute immer alles verstehen sollen? Wir können auch von dem, was wir nicht verstehen, ganz fasziniert sein.“

Es fasziniert mich von den fünf Ständen des Tozan zu hören, von Seisho’s Seele, von Joshu, Gutei und den anderen alten Meistern und Koan, die ich nicht verstehe.

Und doch ist da die Gewissheit, dass ich in der Lage bin all diese Koan zu verstehen. Dass es einen langen Übungsweg gibt, auf dem ich all die Dinge innerhalb und außerhalb erfahren kann, dass ich in der Lage bin mit all den zehntausend Erscheinungen in Kontakt zu gehen.

Nicht über sie zu sprechen, sondern sie direkt und unmittelbar zu erleben. Dessen bin ich mir erst klar geworden, nachdem ich ins Kloster gegangen bin. Vorher wusste ich bloß, dass ich aus irgendwelchen mir noch unbekannten Gründen ins Kloster möchte. (Ich muss aber auch sagen, dass ich die Roben sehr schick finde.)

Jetzt im Nachhinein bin ich mir im Klaren, dass das Kloster der ideale Ort ist, die Welt zu erleben. In der häuslichen Umgebung ist dies schwieriger und langwieriger. Ich haben dort viel Ablenkung und viele Sorgen, die mich davon abhalten, mit den Dingen in Kontakt zu gehen. Ich nenne mal ein paar Beispiele:

Fernseher, Computerspiele, Internet, Konsum und viel zu häufig eine zu urbanisierte Umgebung, was häufig mit einer hektischen und stressigen Arbeitswelt und einem gesellschaftlichen Leistungszwang einhergeht.

All diese Dinge schnitten mich von meiner Buddhanatur ab und ließen mich unzufrieden sein. Häufig einhergehend mit dem Zyklus von: ich will mehr, mehr, mehr, dies, das und jenes. Ich war in einem Hamsterrad gefangen. Ich versteckte mich vor mich selbst und ließ niemanden noch nicht einmal mich an mich herankommen. Aus diesem Hamsterrad möchte ich ausbrechen und ich muss sagen, es gelingt mir immer häufiger. Ich möchte die Welt wahrnehmen und mich nicht abschirmen.

Ich habe mal eine Geschichte gehört, die ich im Groben gerne mal nacherzählen möchte:

 

„Ich habe eine mächtige Burg. Sie steht oben auf einem Hügel mit Zinnen und Türmen. Ein massives Tor schützt den Eingang und die ganze Wehranlage ist mit einem Palisaden Wall umringt. Bedrohlich schaut sie in die Landschaft. Es gibt da nur ein Problem…

Sie ist aus Pappe.

Äußerlich sieht man es nicht, aber wenn man sich die Burg genauer unter die Lupe nimmt, so fällt einem das Baumaterial auf. Ich lebe in einer Umgebung, in der jeder meiner Nachbarn ebenfalls eine Burg hat. Wenn sie also herausfinden, dass meine Burg aus Pappe ist, bin ich ihnen schutzlos ausgeliefert. So sitze ich jeden Abend ängstlich in meiner Burg und hoffe, dass die anderen ebenfalls in ihren Burgen bleiben. Besuch lasse ich höchstens bis zur Palisade. Zu groß ist meine Furcht davor, dass meine Nachbarn meine Schwäche finden und ausnutzen. Gefährlich wird es, wenn es regnet. Da Regen meine Pappburg schnell aufweichen lässt, schütze ich sie mit einer Plastikplane, welche ich bei drohendem Regen hastig über meine Wohnung ziehe.“

 

Und genau so war ich. Ich verschanzte mich hinter meinen Konzepten und ließ nichts und niemanden heran. Gleichzeitig hielt ich meine Konzepte krampfhaft aufrecht, um zu verhindern, dass mich irgendjemand angreift. Oder wenn ich angegriffen wurde konnte ich mich hinter meinen Konzepten verstecken. Ich wusste nichts über diesen Ort tief in mir, der von nichts und niemanden ins Wanken gebracht werden kann. (Es ist zugegebenerweise auch ziemlich schwer, diesen Ort zu finden und es dauert bestimmt noch Jahre, bis ich dieses Wesen vollkommen erkannt habe. Zumindest gelingen mir mittlerweile doch schon so kleine Einblicke, die mich ganz sicher sein lassen, dass da auf jeden Fall was ist.)

Auf jeden Fall habe ich schonmal erkannt, dass diese Konzepte, die ich mir da so aufgebaut habe, so standhaft sind wie eine Pappburg bei Regen.

Die Geschichte geht übrigens noch weiter:

 

„Eines Tages zieht ein fürchterliches Unwetter mit reißendem Sturm und sinnflutartigen Regengüssen auf. Die Plastikplane wird weit davon geweht und der Regen weicht die Burg auf, sodass sie in sich zusammenfällt. Voller Furcht wage ich den Blick zu meinen Nachbarn und was ich sehe erstaunt mich. Überall fallen die Burgen in sich zusammen, keine kann dem Wetter trotzen. Jeder baute aus Pappe und jeder schaut voller Furcht zu den Nachbarn. Als das Unwetter sich legt treffen wir uns und das erste mal stehen wir von Angesicht zu Angesicht jenseits der Burgen. Das erste Mal stellen wir uns die Frage:

„Gibt es wirklich etwas, das von einer Burg geschützt werden muss?““

 

Diese Geschichte habe ich während meines ersten FSJ-Seminars gehört, dann vergessen und als ich mich damit beschäftigt habe, warum ich Mönch werden möchte, ist sie mir wieder eingefallen. Stück für Stück, langsam aber sicher baue ich meine Pappburg, ab in der Gewissheit, dass das Leben ohne Pappburg wesentlich zufriedener ist. Ich suche diesen unerschütterlichen Ort, von dem die Sutren sprechen.

Mit dem Entschluss Mönch zu werden, bekräftige ich mich selber, diesen Weg zu gehen, die Mauern meiner Pappburg einzureißen. Das Klosterleben zeigt meinen Entschluss und meinen festen Glauben in den Buddha-Dharma.

Im zwölften Kapitel des Plattform Sutras sagt Hui-neng Folgendes zu Hui-ming:

„Nicht denkend „gut“ nicht denkend „schlecht“ – was ist dein ursprüngliches Antlitz in eben diesem Augenblick?“

Eins habe ich soweit schon mal erfahren,

es ist nicht die Pappburg!