Z00263 Was, wenn alles Leid aus verwirrten Gedanken resultiert? (Sesshin 07.03.2026)

Im 58. Beispiel des Hekiganroku wird Meister Joshu gefragt, warum er den Satz: »Der wahre Weg ist nicht schwer; er verabscheut nur Wahl und Festhalten«, so oft zitiere. Joshu entgegnet, dass er dafür keine Rechtfertigung habe.

Was Wahl bedeutet und wie wir dem Anhaften entgehen können, ist ein wiederkehrendes Thema. Joshus Botschaft bleibt dabei stets dieselbe: Der wahre Weg (Dao) ist einfach, nur unser Denken macht ihn kompliziert. Steven Mitchell schreibt dazu in seinem Buch »The Second Book of the Dao«: »Wir glauben die menschliche Natur zu kennen. Doch was, wenn unsere liebsten Annahmen falsch sind? Was, wenn alles Leid aus verwirrten Gedanken resultiert?«

In diesem Teisho stellt Christoph Rei Ho Hatlapa dem analytischen Verstand die Wahrnehmung mit dem Herzen zur Seite. Aus ihr erwachsen Mitgefühl und die Einsicht, dass wir nicht von den Wesen um uns herum getrennt sind. Die praktische Aufgabe besteht darin, immer wieder zu unserer eigenen Mitte zurückzukehren, auch wenn in uns viele unterschiedliche Stimmen sprechen: die des inneren Kindes, der Eltern oder unserer Erwartungen. Durch die Zen-Praxis können wir lernen, diese Stimmen wahrzunehmen und den inneren Frieden zwischen ihnen wiederherzustellen. Indem wir unsere mentalen Konstruktionen loslassen und die Wirklichkeit unmittelbarer erkennen, kann Klarheit entstehen. In dieser Klarheit ist der Weg nichts Fernes oder Geheimnisvolles, sondern etwas, das bereits im gegenwärtigen Moment vorhanden ist.

Literatur:
Stephen Mitchell: The Second Book of the Tao, 1. Auflage, Penguin Publishing Group, 2010, ISBN: 0143116703, 9780143116707

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Z00262 Wenn du erkennst, woher du kommst, wirst du von Natur aus tolerant. (Sesshin 17.01.2026)

Ausgehend von Koan 6 des Hekiganroku entfaltet Christoph Rei Ho Hatlapa in diesem Teisho das Leben und Wirken des Zenmeisters Ummon, der für seine knappen Antworten bekannt war. Mit seinen wenigen Worten zielte er nicht darauf ab, etwas zu erklären. Vielmehr wollte er bei den Zuhörenden einen Durchbruch bewirken. So führt uns auch seine Koan-Aussage: »Jeder Tag ein guter Tag« mitten hinein in die Welt der Nicht-Dualität. Denn nur, wenn wir die gemeinsame Quelle aller Dinge erkennen und daraus Gelassenheit, Mitgefühl und innere Weite entstehen lassen, können wir dem Leben mit all seinen hellen und dunklen Seiten wirklich begegnen. Dabei hilft die Zazen-Übung. Sie befreit den Geist von unnützen Gedanken und schenkt dem Herzen Frieden. Ein ruhiger Geist beobachtet zunehmend das Treiben der Wesen und betrachtet ihre Rückkehr zur Quelle. Denn wer erkennt, woher er kommt, kann gelassen mit allem umgehen, was das Leben bringt – und verkörpert, wenn der Tod kommt, Ummons goldene Brise.

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Z00261 Wie gelangt ihr dorthin, wo es keinen Grashalm in 10000 Meilen gibt? (Rohatsu 05.12.2025)

In dem geschützten Raum eines Sesshin ist es leicht zu erkennen, dass die mitunter täuschend echten Bilder, die wir sehen, unserem Geist entspringen und Trugbilder sind. Zurück im Alltag aber erscheint Tōzan Ryōkais Appell aus Koan 161 des Shūmon Kattōshū jedoch wie ein frommer Wunsch: Geht dorthin, wo es weit und breit keine Illusionen gibt! Daher erwidert Sekisō: »Warum sagtest du nicht: ›In dem Augenblick, in dem du das Tor hinter dir lässt, gibt es Gras?‹« Sobald wir den Tempel verlassen, sind wir von Verblendungen umzingelt. Andererseits sind gerade diese Umstände aber die Voraussetzung dafür, dass wir unseren irrtümlichen Vorstellungen auf die Spur kommen. C. G Jung nannte diese Trugbilder Projektionen. Sie verdunkeln die objektive Sicht andere Menschen und verhindern echte menschliche Beziehungen. Ob diese Schatten allerdings zu Freunden oder Feinden werden, hängt jedoch von uns selbst ab. Als Menschen kommen wir in der Geborgenheit eines ungeteilten Universums an. Doch nach kurzer Zeit beginnt ein Sozialisationsprozess, in dem wir erfolgreiche Anteile in einem äußeren Bereich unserer Persönlichkeit ablegen. Jung nannte diesen Bereich die Persona. Wir lernen schnell, mit welchen Äußerungen und Eigenschaften wir uns im sozialen Kontext erfolgreich bewegen können. Viele Ausdrucksformen unserer Lebendigkeit wurden jedoch in den Schattenbereich gedrängt. Die dabei entstandenen Narben entsprechen den berühmten Knöpfen, die unsere Liebsten unversehens drücken. Wenn wir Glück haben, können wir uns dabei unsere Schatten gemeinsam anschauen. Es ist eine Wohltat, wenn es uns gelingt, unsere Schatten als zu uns gehörig zu akzeptieren. Denn so integrieren wir unsere verlorenen Anteile und können nach und nach unser volles Potenzial entfalten. Zu dieser inneren Arbeit lädt uns Christoph Rei Ho Hatlapa ein. Die Frucht der Übung ist Klarsicht, nicht weil Illusionen verschwinden, sondern weil wir sie als unsere eigenen erkennen. Das Ende der Übungszeit bedeutet nicht das Ende der Arbeit, sondern den Beginn einer bewussteren, liebevolleren Beziehung zu unseren Schatten – innerlich wie äußerlich.

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Z00260 Ein Gipfel ist nicht weiß (Rohatsu 04.12.2025)

Im 15. Fall des Kattōshū fragt ein Mönch Tsao-shan Pen-chi: »Schnee bedeckt die tausend Berge, warum ist ein Gipfel nicht weiß?« Tsao-shan antwortet: »Du solltest den Unterschied innerhalb des Unterschieds erkennen.« Er fügt hinzu: »Er lässt sich nicht dazu herab, die Farbe der anderen Berge anzunehmen.« Christoph Rei Ho Hatlapa vergleicht die Berge mit meditierenden Mönchen und die weißen Gipfel mit ihren kahlen Köpfen. Doch warum ist ein Gipfel nicht weiß? Als der spätere Zen-Patriarch Hui Neng ins Kloster eintrat, unterschied er sich von den Mönchen nicht nur dadurch, dass er kleinwüchsig und Analphabet war, sondern auch dadurch, dass er die Zeichenlosigkeit der Zeichen im Sinne des Diamant-Sūtra unmittelbar erkannte und den Buddha in allen Dingen sah. Zeichen sind die Objekte unserer Wahrnehmung, die uns leicht täuschen können. Die Klarheit unserer Wahrnehmung hängt nicht davon ab, dass wir wie eine Kamera in die Welt blicken, sondern dass wir tiefer schauen. Weisheit im buddhistischen Sinn bedeutet Einsicht in das abhängige Entstehen der Dinge, also das Erkennen, dass jedes Element aus anderen Elementen hervorgeht und alles mit allem verwandt ist im Kontinuum der Zeichenlosigkeit. Erst wenn wir diesen Zusammenhang wirklich durchdringen, haben wir Zugang zur wahren Wirklichkeit, in der auch der Tathāgata aus Nicht-Buddha-Elementen besteht. Alles, was ihn ausmacht, macht auch uns aus. Das Reine umfasst das Unreine. Im Buddhismus gilt die Non-Dualität als das wesentlichste Merkmal der Liebe. Mit den Augen dieser organischen Liebe betrachtet, existiert nichts, was wir nicht respektieren könnten – und mit ihr ließen sich sämtliche Probleme der Welt lösen. Der wahre Unterschied kennt keine Dualität. Das bedeutet, den Unterschied im Unterschied zu erkennen. Er ist zeichenlos, grenzenlos und allumfassend.

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Z00259 Du bist Buddhas Knochen! (Rohatsu 02.12.2025)

Der Buddhismus hat eine lange Reise hinter sich von den Universitäten Indiens über die Klöster Chinas bis hin zur heutigen Praxis. In diesem Teisho zeichnet Christoph Rei Ho Hatlapa diesen Weg nach und zeigt, wie aus einer monastischen Lehrtradition ein lebendiger, alltagsnaher Zen-Weg für Mönche, Laien und Frauen entstand. Dabei stellt er die Frage: Was heißt es, heute »Buddhas Knochen« zu sein – das Erwachen also nicht zu verehren, sondern zu verkörpern? Denn nur wenn der Geist des Buddha in uns lebendig bleibt, behält der Buddhismus seine Bedeutung. Anhand des Shinjinmei und Joshus Lehre wird deutlich, wie wählerische Wahl und Anhaften unseren Geist binden können. Dabei ist nicht das Wählen selbst das Problem, sondern das Festhalten, das Rechthabenwollen, das subtile Anhaften. Der beste Zustand ist jedoch kein asketisch abgehobener, sondern einer, in dem man nichts Besonderes mehr sucht und ununterscheidbar normal wird, eins mit Leiden und Freude, Alltag und Erwachen.

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Z00258 Sei hellwach und lass dich nicht in die Irre führen! (Rohatsu 01.12.2025)

In Koan 12 des Mumonkan sowie in Fall 11 des Kattōshō ruft Zuigan Gen Osho sich täglich selbst: »Meister!« – und antwortet: »Ja, Herr!« Durch dieses Rufen und Antworten schult Zuigan seine Präsenz und vervollkommnet seine Meisterschaft. »Übung ist Erleuchtung, Erleuchtung ist Übung«, beschreibt es Dōgen. In jedem von uns steckt von Anfang an ein Meister, zu dem wir uns bemühen, den Kontakt aufzunehmen. Oft halten wir ihn jedoch für eine abgehobene Instanz und verwechseln ihn mit dem inneren Erzieher oder den zahllosen anderen Aspekten unseres Ichs. Wir sind so sehr mit ihnen beschäftigt, dass die Ebene des inneren Meisters im Schatten bleibt. Erst wenn wir mutig vor unsere inneren Wächter hintreten und mit ihnen verhandeln, erfahren wir, was sie brauchen, damit sie uns vorbeilassen. Dieser Prozess ebnet nach und nach den Weg zum inneren Meister, sodass wir uns diese wunderbare Instanz in uns ergründen können.

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Z00257 Zeichenlosigkeit erkennen und organische Liebe praktizieren. (Herbstmond-Sesshin 09.11.2025)

In Abschnitt 5 des Diamant-Sūtras geht es darum, dass die wahre Natur des Tathāgata nicht durch äußere Zeichen oder Merkmale erfasst werden kann. Sie sind nur Oberfläche, die eigentliche Wirklichkeit liegt in der Zeichenlosigkeit. Ähnlich wie bei einer Rose, die nur im Kontext aller Nicht-Rose-Elemente wirklich verstanden werden kann, ist auch der Mensch nur vollständig zu sehen, wenn man seine Hintergründe, Geschichte und Beziehungen berücksichtigt. Das Festhalten an Zeichen führt zur Täuschung, während Einsicht und Verständnis für den Kontext die Wahrnehmung vertiefen. So erklärt der Buddha in Kapitel 25 des Diamant-Sūtras, dass es niemanden zu erlösen gibt, da keine getrennten Wesen existieren, die zu retten wären. Jeder Mensch ist sowohl gewöhnlich als auch Buddha, da alles aus den gleichen Elementen besteht und miteinander verbunden ist – als Teil des großen Gewebes. Diese organische Liebe im Alltag zu verwirklichen, bedeutet, im anderen sich selbst zu erkennen und die Dualität aufzulösen. Probleme, Leid und Fehler werden dann nicht mehr isoliert betrachtet, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs, der sowohl Schatten als auch Licht umfasst. Die Praxis im Alltag besteht also darin, Einsicht, Verbundenheit und Mitgefühl zu kultivieren, um die Illusion von Trennung und Selbst zu überwinden.

Dieses Teisho wurde im Kô Getsu An (https://zen-bonn.de) gehalten.

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Z00256 Sesshin als Feld der liebenden Güte und inneren Metamorphose. (Herbstmond-Sesshin 08.11.2025)

In diesem Teisho lädt Christoph Rei Ho Hatlapa uns dazu ein, die Teilnahme an einem Sesshin als einen Akt der Selbstliebe zu verstehen. Frühes Aufstehen, langes Sitzen und Schweigen wirken auf den ersten Blick zwar abschreckend. Doch genau in dieser Strenge liegt die Fürsorge, die es uns ermöglicht, uns nicht länger selbst aus dem Weg zu gehen, sondern zu erforschen, wer oder was wir jenseits unserer Geschichten wirklich sind. Dabei geht es nicht um Selbstbespiegelung, sondern um die Bereitschaft, sich im Zusammenhang der fünf Skandhas zu betrachten und zu erkennen, wie sehr das vermeintlich fixe Ich ein Prozess ist, der vom gesamten Kontext des Lebens bedingt ist. Shin’ichi Hisamatsu, der philosophische Lehrer von Ōi Saidan Roshi, vergleicht das wahre Selbst mit einer Raupe, die sich verpuppt und schließlich als Schmetterling ihre Schale durchbricht. Dabei vereinigt sich die Raupe nicht mit dem Schmetterling, indem sie sich selbst aufgibt, sondern die Puppe verneint sich selbst, erlangt Freiheit von sich selbst und wird so zum Schmetterling. Ein Sesshin ist vergleichbar mit dem Kokon, in dem wir uns der Krise, der Enge und dem Nicht-Wissen nicht mehr entziehen können. Wenn wir das alte Ich nicht aus Selbsthass verneinen, sondern aus Durchschauen, kann etwas Weites, Leichtes, Unverfügbares auftauchen: unsere Buddha-Natur.​ Ein Mensch, der auf diese Weise weich geworden ist, erlebt sich nicht länger als getrennt von der Welt und den Wesen um sich herum. Es entsteht ein Raum, in dem wir uns selbst freundlicher betrachten können. Unser Herz öffnet sich für die vier Qualitäten der Liebe – liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Diese bleiben keine abstrakten Ideale, sondern scheinen im ganz Konkreten auf: in der Partnerschaft, bei der Erziehung von Kindern, in der Sangha, in unserem Umgang mit Konflikten und mit der verletzten Erde. Die Art und Weise, wie wir unsere eigene innere Landschaft kultivieren, prägt unmittelbar unseren Blick auf das gesamte Mit-Leben.​

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Z00255 Der Geist ist ein Künstler. (Herbst-Sesshin 25.10.2025)

Christoph Rei Ho Halapa beschäftigt sich in diesem Teisho mit der Beziehung von Bewusstsein und Materie im Kontext der Herausforderungen durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI). Insbesondere angesichts der Sorge, Maschinen könnten das menschliche Bewusstsein überflügeln oder gar übernehmen. In Fall 102 des Shūmon Kattōshū heißt es: »Der Geist ist wie ein Künstler, der unaufhörlich die fünf Skandhas hervorbringt. Es gibt nichts auf der ganzen Welt, das nicht vom Geist hervorgebracht wird.« Demnach geht alles Sein aus dem Bewusstsein hervor, als zwei untrennbare Aspekte der Wirklichkeit. Auch die Quantenphysik bestätigt diesen inneren Zusammenhang: Materie existiert nicht unabhängig vom Bewusstsein des Beobachters. Bewusstsein ist allerdings kein materielles Nebenprodukt, sondern ein eigenständiges, nicht reproduzierbares Phänomen auf Quantenebene. Daher können Maschinen niemals echtes Bewusstsein entwickeln, da ihnen eine »Innenseite« fehlt, also die Möglichkeit, Erleben oder Empfindung zu erfahren. Somit verweist die KI das Menschliche nicht auf Abwege, sondern zurück zu seiner eigentlichen Stärke: Mitgefühl, Einfühlung und geistige Tiefe.

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Z00254 Was ist Zen? (Herbst-Sesshin 24.10.2025)

In Fall 211 des Shūmon Kattōshū fragte ein Mönch: »Was ist Zen?« Touzi Datong antwortete: »Zen.« Der Mönch fragte weiter: »Was ist, wenn der Mond noch nicht voll ist?« Touzi sagte: »Ich schlucke drei oder vier Zehntel.«

Gerade am Anfang erhofft man sich von seinem Zen-Lehrer Antworten auf die vielen Fragen, die man hat. Doch meist fallen diese eher einsilbig aus. Auch die Koan erscheinen uns je nach Lebenslage tiefgründig oder unverständlich, hilfreich oder abwegig. Beide zielen darauf ab, uns zu ermutigen, uns selbst zu erforschen, statt Antworten zu erwarten. Mit zunehmender Praxis wandelt sich das Verhältnis: Nicht mehr »wir üben Zen«, sondern »Zen übt mit uns« und wird zu einer lebendigen, lebenslangen Begleitung. Zen lehrt, dem Natürlichen zu folgen: weder zu erzwingen noch zu vermeiden, sondern das Leben in all seinen Formen anzunehmen – auch Beziehungen, Begehren und alltägliche Schwierigkeiten. Leben und Zen sind eins.

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