Z0146 Das Koan-Training im Rinzai-Zen als Heldenreise (19.9.2021)

Anhand des Koan aus dem Hekiganroku Fall Nr. 33: Chinso Shosho besucht Shifuku, spricht Christoph Rei Ho Hatlapa über den inneren Weg des Zen mit Hilfe von Zen-Koans. Ein Training mit den klassischen Koans, bei einem kompetenten Zenmeister konsequent verfolgt, kann sich für den Praktizierenden als eine Reise nach Innen, als eine Art von ’Heldenreise’ darstellen. Auf diesem Übungsweg, im Verlauf dieser ’HeldInnenreise’, können sich die eigenen inneren Kraftquellen zeigen und es kann sich der innere Meister melden. Im Kontakt mit dem äußeren Meister werden dann diese inneren Entdeckungen auf ihre Authentizität und auf ihre Belastbarkeit überprüft. Christoph Rei Ho Hatlapa gibt hier einen Überblick über die Stationen der inneren Reise und Entwicklung, die wir anhand der ersten zwölf Koans des Mumonkan anlaufen und bearbeiten können. Es geht dabei darum, die im Osten stärker gepflegten Schätze des Inneren im eigenen Inneren selber wieder zu entdecken und sich zu eigen zu machen.
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Z0145 Kazuaki Tanahashi und das Streben nach Frieden und Versöhnung (18.9.2021)

Christoph Rei Ho Hatlapa bezieht sich in diesem Teisho auf die Arbeit von Kazuaki Tanahashi und insbesondere einen engagierten Film, in dem Kaz den in der Kriegsindustrie arbeitenden Menschen vier Sätz ans Herz legt:
– Es gibt keine Situation, die nicht verändert werden könnte.
– Findet eine gemeinsame Vision!
– Als Einzelner kannst du die Welt nicht verändern, du kannst jedoch beitragen und auch beispielsweise einen Experten finden, der sich für deine Vision einsetzt.
– Niemand ist ohne Verantwortung
Kazuaki Tanahashi (geb. 1933, fellow of the World Academy of Art and Science) bemüht sich speziell auch um die Verarbeitung der Kriegsgreuel, die von japanischen Nationalisten in China während des zweiten Weltkrieges begangen wurden.
Christoph Hatlapa berichtet von seinem eigenen Engagement zur Linderung der Folgen des Yugoslawienkrieges, speziell beim Aufbau des Friedenszentrum in Ossiek.

Literatur:
Kazuaki Tanahashi. Painting Peace. Art in a Time of Global Crisis. Shambhala Publications.
Chang, Iris. Die Vergewaltigung von Nanking : Das Massaker in der chinesischen Hauptstadt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Pendo, 1999

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Z0144 Sich öffnen für das, was außerhalb unseres Erwartungshorizontes liegt (Teisho vom 16.7.2021)

Eine Geschichte aus dem Buch ’Das verborgene Licht’: Ohashi verkauft ihren Körper. Ohashi, die Tochter eines verarmten Ronin, die sich aus wirtschaftlichen Zwängen prostituieren muss, geht zu Hakuin und bekommt von ihm ein Koan: “Wer ist die Person, die diese Arbeit macht?”. Nachdem sie sich ihrer größten Angst, der Furcht vor dem Gewitter und den Blitzen, bewusst aussetzt, erwacht sie zu einer neuen Sicht auf das Leben. Anhand dieser Geschichte spricht Christoph Rei Ho Hatlapa über unsere Versuche, aus eigener Kraft perfekt zu handeln und uns durchzusetzen. Aber, wenn wir es schaffen, Zugang zu den Kräften zu finden, die durch uns hindurch wirken, dann erscheint uns unsere Welt in einem ganz anderen Licht. Wir haben dann die Chance, aus dem “Großen heimatlosen Selbst” heraus, wie es im Zen heißt, zu leben und von der Ebene der Urteile und der Vergleiche zur Ebene der wirklichen Lebendigkeit zu wechseln. Um diesen Schritt machen zu können, müssen wir uns zunächst den eigenen Umständen und unseren tiefsten Ängsten stellen und uns der Botschaft hingeben, die vielleicht in ihnen verborgen liegt. Dann können wir uns, außerhalb unseres Erwartungshorizontes, für diejenigen Kräfte öffnen, die weit über uns hinausgehen.

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Z0143 Sich selbst erkennen und die menschliche Weiterentwicklung (Teisho vom 15.7.2021)

Anhand des Koans: “Ein Fehler beim Sprechen” aus dem Mumonkan (Fall Nr. 39) spricht Christoph Rei Ho Hatlapa über den Zusammenhang zwischen eigenem Glück und der menschlichen Weiterentwicklung hin zum Erwachen. Diese Entwicklung ist etwas völlig anderes als die zwanghafte Selbstoptimierung, die uns heute in vielfältiger Form gepredigt wird.
Den Zen-Weg zu gehen, bedeutet, nach Dogen, zunächst: Sich selbst zu erkennen. Dann, danach, können wir das Glück darin erleben, die größere Welt in einer Weise auf uns wirken zu lassen, dass wir in ihr gewissermaßen aufgehen und “uns selbst vergessen” wie Dogen sagt. Wir erfahren dann ein beglückendes Überschreiten der eigenen Begrenztheit. Und dann kann es auch geschehen, dass wir in eine neue Harmonie mit den Dingen und Wesen um uns herum kommen und uns “in allen Dingen” (Dogen) selber wieder-erkennen.

Film über Sebastião Salgado: Das Salz der Erde. Dokumentarfilm, Deutschland, Brasilien, 2014, 110 Min., Buch und Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado.
Florence Caplow, Susan Moon (Hrsg.): Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute. Edition Steinrich

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Z0142 Einer Frau des Weges begegnen (Teisho vom 14.7.21)

In diesem Vortrag behandelt Christoph Rei Ho Hatlapa anhand des Koans Nr. 36 aus dem Mumonkan die Frage der Begegnung zwischen den Geschlechtern.
Die Voraussetzung einer wirklichen Verständigung ist dabei immer die Bereitschaft auf den/die Andere/n mit einem offenen Herzen zuzugehen. Und daneben auch, als Grundlage, die Bereitschaft, dass ich mich als Begegnenden selber kennenlerne. Auch die Integrationsanstrengung, die von den Frauen geleistet wird und die von den Männern oft übersehen wird, wird in diesem Prozess deutlicher. Dabei hilft es uns, die eigene Natürlichkeit, den eigenen Zugang zur Buddhanatur, neu zu entdecken.

Erwähnte Autoren / Bücher:
Danaan Parry. Krieger des Herzens. Herausgeber: Lüchow, 2001
Claude AnShin Thomas. Krieg beenden – Frieden leben. Ein Soldat überwindet Hass und Gewalt.
Florence Caplow, Susan Moon (Hrsg.): Das verborgene Licht. 100 Geschichten erwachter Frauen aus 2500 Jahren, betrachtet von (Zen-)Frauen heute. Edition SteinrichUm für junge Erwachsene den Aufenthalt im ToGenJi zu ermöglichen, bitten wir um eine Spende.
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Z0141 Dana und Selbst-Achtsamkeit (Teisho vom 13.7.2021)

Im Kattosho, Fall Nr. 228, wird die ruppige Art Rinzais beim Bettelgang geschildert. Eine alte Frau – die, wie so oft im Zen, für eine größere Weisheit steht – weist ihn zurecht. Gleichzeitig zeigt sich die alte Frau – auch wie so oft in den alten Erzählungen – als fürsorglich.
Christoph Hatlapa spricht über seine Erfahrungen mit der Praxis des Bettelgangs in Japan und seine Fürsorge für seine eigene Gesundheit im fortgeschrittenen Alter. Manchmal geben uns anscheinend unerfüllbare Herausforderungen Gelegenheit, unsere engen Konzepte in Frage zu stellen und überlebte Grenzen in uns selbst zu überschreiten. Manchmal brauchen wir allerdings auch Unterstützung, um die Lehre zu verbreiten und müssen neben der Übung und dem Streben nach geistigen Fortschritt auch auf unsere eigenen körperlichen Bedürfnisse achten. Auch der bewusst wahrgenommene Kontakt mit der uns umgebenden Natur kann uns mit der größeren Welt in Kontakt bringen und unsere Gesundheit stärken. Wenn wir in dieser Weise achtsam bleiben, wird uns das Geschenk deutlicher, uns zwischen Himmel und Erde in einem weit über uns selbt hinausgehenden Geborgenheitskontinuum bewegen zu dürfen.

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Z0140 Jenseits von Richtig-und-Falsch und das Koantraining (Teisho vom 23.5.2021)

Mayoku nimmt mit seinem Auftreten eine Souveränität in Anspruch, die von den beiden Meistern mit ihrer Antwort erschüttert wird. Die Koan-Praxis kann auf uns eine ähnliche Wirkung ausüben: vermeintlich “richtige” Konzepte und Überzeugungen werden in Frage gestellt und erschüttert. Damit eine solche Praxis bei uns wirksam werden kann, brauchen wir die drei Voraussetzungen für diesen Übungsweg: Großes Vertrauen. Große Entschlusskraft. Großen Zweifel. Auch ein gewisses Maß an Zweifel ist wichtig, um uns auf dem Weg nicht vorschnell anhalten zu lassen. Gehen wir auf dem Übungsweg weiter, können wir uns mehr und mehr vom Rechthabenwollen lösen und unsere eigenen Lebensmotive und diejenigen von anderen Menschen wirklich erfahren und ihnen folgen.

Z0139 Erwachen zum Großen Zusammenhang Teisho vom Pfingstsesshin 22.5.2021

Der Zenmeister Baso (chin.: Mazu Daoyi, 709-788) brachte seinen Schüler Hyakujo (chin.: Baizhang Huaihai, 720-814) auf schmerzhafte Weise zum Erwachen; geschildert im Hekiganroku, Fall Nr. 53: Hyakujo und die wilde Ente. Solche Momente des – manchmal durch einen Schmerz ausgelösten – Herausgerissenwerdens aus dem Gedankenkarussell, in dem wir uns so oft auf der Stelle drehen, sind typisch für die Zenschulung. In einem solchen Moment, in dem wir uns wirklich einlassen auf einen weit über uns selber hinausgehenden Kontext, kommen wir dann plötzlich mit dem größeren Bedingungszusammenhang – in dem wir faktisch natürlich immer leben – in vollen Kontakt. Dann erleben wir wenigstens für einen Moment unsere Wesensgleichheit mit den uns umgebenden Plfanzen, Tieren und der ganzen physischen Welt. Solche Erlebnisse können unsere Einstellung zur Welt und zum Leben verändern und es kann eine beinahe persönliche Anteilnahme mit den uns umgebenden Wesen eintreten. Von unserem oft so illusorischen Denken und unserer beinah allgegenwärtigen Geschäftigkeit werden wir aber meistens daran gehindert, mit der Welt, von der wir ein Teil sind, wirklich in intimen Kontakt zu kommen. Ohne diesen unmittelbaren und persönlichen Kontakt werden unsere halbherzigen Bemühungen, eine von uns gedanklich als getrennt vorgestellte “Umwelt” zu schützen, womöglich zu spät kommen. Eine wirkliche Veränderung unseres Lebens braucht kein Rückschritt und keine Askese zu sein, sondern diese Veränderung kann sich als Befreiung vom Überfluss und als Gewinn an Kontakt und Vertrautheit mit der Biosphäre und der über uns hinausreichenden Welt herausstellen.

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Z0138 Die schwierigen Aspekte des Lebens anerkennen und transformieren – Teisho vom Pfingstsesshin 21.5.2021

Auf die Frage eines Mönches, was der Wahre Körper des Buddha sei, antwortet Meister Umon: ’Kayakuran’ (“Umzäunter Blumengarten”). Der Mönch fragt nach, was wäre, wenn er diese Antwort wörtlich nehmen würde, worauf Umon antwortet: “Goldhaarlöwe”.
In diesem Koan steht der “Goldhaarlöwe” für die ungezähmten Aspekte dieser Welt und der Natur, jenseits der umzäunten Blumengärten. Zu diesen ungezähmten Aspekten gehört aber neben der Kraft der Wildheit auch das Leiden, das Unansehnliche und das Vergängliche. Der Wahre Körper des Buddha ist – nach Umon – nur vollständig mit dieser leidvollen und unangenehmen Seite der vollen Wirklichkeit. Tatsächlich gehört die Annahme und Würdigung dieser abschreckenden Aspekte der Welt und unseres eigenen Seins zur Voraussetzung eines transformativen spirituellen Weges. Auf diesem Weg wird dann die natürliche und vordergründige Schönheit zusammen mit diesen schwierigen und unangenehmen Aspekten der Welt und des Lebens zu einer tieferen und tragfähigeren Schönheit transformiert. Für diese Transformationsleistung brauchen wir aber in der Regel den Zugang zu einer Ebene, die jenseits der – scheinbaren – Gegensätze liegt. Diese Ebene ist die spirituelle Ebene, für die wir uns in der meditativen Praxis öffnen. Wenn wir für diese Ebene empfänglich sind, können wir auch die schwierigen Aspekte des Daseins in einem Segen für uns selber und vielleicht auch für unsere Mitmenschen verwandeln.

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Z0137 Die Illusion der getrennten Einzelexistenz überwinden – Teisho vom 17.1.2021

Im Hekiganroku Fall Nr. 100, Haryô und das “schärfste Schwert”, heißt es: Ein Mönch fragte Haryô: “Was hat es mit dem Schwert auf sich, gegen das ein Haar geblasen wird?” Haryô sagte: “Jeder Korallenast umarmt den strahlenden Mond.”

Als “das erste Prinzip” wird in der Zentradition die Notwendigkeit verstanden, dass jeder Übende seine eigenen Erfahrungen machen muss. Erlebnisse und Erfahrungen aus zweiter Hand zu diskutieren, wird im Zen vehement abgelehnt. Genauso gilt das Ventilieren der eigenen Erfahrungen nicht als hilfreich. Insofern stellt Meister Engo die Frage an seine Mönche, ob seine vielen Vorträge ihnen nicht geschadet hätten. Und er behauptet schlechterdings, dass es von Anfang an kein Geheimnis und nichts zu sagen gegeben hätte. Tatsächlich können nach dem Verständnis des Zen die Vorträge und Hinweise der Meister nur Anregungen sein, die den Selbsterfahrungsprozess stimulieren sollen.
Das Schwert gilt hier als Metapher für diejenige Form von unterscheidender Weisheit, die alle Illusionen abschneidet. Besonders geht es auch darum, aus der Illusion der Getrenntheit heraus zu kommen, in die wir durch unsere Identitätskonzepte verwickelt sind. Die Weisheit, um die es hier geht, macht eine Unterscheidung INNERHALB der Einheit möglich.
Die Korallen, die es fertig bringen, ihre Vermehrungszyklen mit Hilfe der Mondphasen zu synchronisieren, zeigen eine “Intelligenz”, die wir für uns als Menschheit wohl erst noch erarbeiten müssen. Wenn wir uns die “Intelligenz” dieser Korallen zum Vorbild nehmen, dann könnten wir IN diesem großen Kosmos zur Erkenntnis kommen und damit dem Kosmos selbst zum Erwachen verhelfen. In diesem Sinne vertritt auch der Sinologe David Hinton die These: In der chinesischen Zen-Poesie und der Dichtung der Zen-Meister und Zen-Künstler wird der Kosmos seiner selbst bewusst. Dieser Prozess der integrativen Bewusstwerdung kann durch die Mittel der Sprache aber gerade dort erreicht werden, wo sie sich – wie in der Poesie – auf ein Minimum reduziert und sich in die Stille hinein öffnet. Damit kann die Poesie ein Mittel sein, um das allzu verengte Identitätsbewusstsein zu erweitern und gewissermaßen mit dem größeren Kosmos in ein Gespräch zu kommen. Um diese Öffnung geht es genauso auf dem Weg der spirituellen Praxis des Zen. Die Stille, in die wir in der Zenpraxis gehen, führt uns in den nichtsprachlichen Erfahrungsraum. Damit wird es uns möglich, unseren Standort im Universum – unabhängig von den kulturell geprägten Identitätsschemata – neu zu bestimmen. Dann werden wir fähig, im “homeless home and selfless self”, wie Soen Nakagawa es ausdrückte, zur Subjektivität des Kosmos zu erwachen. Diese größere Subjektivität geht weit über die selbstbezogene Achtsamkeit und auf Durchsetzung bedachte Präsenz hinaus. In der wirklichen Präsenz – jenseits der beschränkten Eigeninteressen – werden wir durchlässig für die Resonanzkräfte des Universums. In dem Maße, in dem uns das gelingt, können wir dann auch in eine heilsame Mitschöpfer-Rolle gegenüber dem großen Universum kommen. Und dann können wir als verantwortliche Gärtner in der Biosphäre das schöpferische Moment weiter voranbringen.

Literatur:
David Hinton. Existence. A Story. Shambhala, 2016
ders.: Awakened Cosmos. The Mind of Classical Chinese Poetry. Shambhala, 2019